Am 22.11.2011 stellte sich der Verein cavata cassel mit einem ersten Konzert den Freunden Alter Musik in Kassel vor. Seine Gründung geht zurück auf die Initiative von Kasseler Künstlern, die sich speziell für Alte Musik begeistern und sich mit ihr seit vielen Jahren als Musiker und Musikpädagogen beschäftigen. Auf der Suche nach neuem Repertoire wurden sie fündig in der Universitätsbibliothek Kassel, Landesbibliothek und Murhardschen Bibliothek der Stadt Kassel (UB/LMB Kassel). In der Handschriftenabteilung der Landesbibliothek und Murhardschen Bibliothek liegt eine bedeutende Sammlung mit Handschriften und Notendrucken aus der Blütezeit der Casseler Hofcapelle. Diese wurde in 70 Jahre, von etwa 1550 bis 1620, zusammengetragen; begründet von Wilhelm IV., zur Blüte geführt von Landgraf Moritz dem Gelehrten. Beide Landgrafen verstanden es, gute Hofkapellmeister und Musiker an ihren Hof zu verpflichten. Insbesondere Moritz, selbst guter Musiker und Komponist mit einem ausgeprägten Hang zur Pflege der in seiner Zeit üblichen üppigen Festivitäten, bediente sich der Musik als Repräsentationsmittel. Gleichzeitig legte er durch das von ihm gegründete und hinsichtlich des Unterrichtsplans mitgestaltete „Collegium Mauritianum“ den Grundstein für eine umfangreiche musische Ausbildung der Schüler dieser Schule, die gleichzeitig dem Chor der Hofkapelle angehörten. Von großer Bedeutung war er als Mäzen, der begabte Schüler zu Giovanni Gabrieli, dem wichtigsten Meister der Moderne seiner Zeit, in Venedig schickte, um sie dort ausbilden zu lassen. Damit kommt Moritz eine besondere Bedeutung als Unterstützer neuer Strömungen innerhalb der deutschen Musikgeschichte zu. Sein großes Interesse an allen Neuerungen im Bereich der Musik schlug sich nieder in der Gründung einer umfangreichen mit den aktuellsten Drucken bestückten Notenbibliothek. Diese ist trotz aller Kriegswirren erhalten geblieben und in ihrer Geschlossenheit des Repertoires bis heute weltweit beachtet von Forschern und Praktikern gleichermaßen hochgeschätzt.

Das besondere Interesse der Gründungsmitglieder des Vereins cavata cassel gilt in dieser Sammlung insbesondere jenen Handschriften und Drucken, die von Mitgliedern der Casseler Hofcapelle stammen. Sie gehören zu den ungehobenen Schätzen, die der Pflege Alter Musik in Kassel ihr lokales Kolorit geben. Zielsetzung des Vereins ist es, neben verborgenen musikalischen Schätzen der Landesbibliothek und Murhardschen Bibliothek Unbekanntes und Bewährtes aus der Zeit der Renaissance und des Barock zum Erklingen zu bringen. cavata cassel widmet sich der Pflege Alter Musik und richtet somit seine Aktivitäten darauf, eine seit längerem in Kassel, ja in Nordhessen unterrepräsentierte Musikrichtung wiederzubeleben. Perspektivisch sind jährlich stattfindende Festivals mit Konzerten, Seminaren und Instrumentenmesse angedacht; auch dies ein Novum in der Region. Hier beheimatete KünstlerInnen wollen sich daran beteiligen. Den Startschuss gab das Eröffnungskonzert am 22.11.2011 um 18h in den Eulensaal der Landesbibliothek und Murhardschen Bibliothek am Brüder-Grimm-Platz.

Auf dem Programm standen Werke von Andreas Hammerschmidt (1610/11-1675), Gaspare Torelli (gest. nach 1613) und Georg Otto (1550-1618). Während Andreas Hammerschmidt der langen Tradition evanglisch-lutherischer Kirchenkomponisten angehört und sich mit zahlreichen Motetten einen Namen gemacht hat, gibt es über Gaspare Torelli nur wenige Zeugnisse. Er lebte und wirkte in Padua. In der Notenbibliothek der Casseler Hofcapelle befindet sich das unter dem Titel „Amorose faville“ veröffentlichte vierte Buch 3-stimmiger Canzonetten, das 1608 in Venedig erschien. Der Druck gilt derzeit als Unikat. Georg Otto, der 1586 unter Wilhelm IV. Kasseler Hofkapellmeister wurde, stammte aus Torgau. Er unterrichtete u.a. Moritz von Hessen und 1590 den Kapellknaben Heinrich Schütz. Seine eher konservative Kompositionstechnik steht in der Tradition seines Lehrers Johann Walter, dem „Urkantor“ der evangelischen Kirche.

Angelika Horstmann